Den Tag mit einer Losung beginnen: Das ist für viele Menschen ein liebgewonnenes Ritual. Seit heute finden Sie auch auf unserer Homepage jeden Tag die Tageslosung. Während die Gesellschaft für Deutsche Sprache zurückschaut und das Unwort des Jahres kürt, ist für Pröpstin Frauke Eiben die nach vorn gewandte Jahreslosung eine wertvolle Orientierungshilfe.
Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig. (2. Kor.19, 12,9)
Das Wort des Jahres, so teilte die Gesellschaft für deutsche Sprache im Dezember mit ist „Stresstest“.
Der aus der Humanmedizin stammende Begriff wurde 2011 oft verwandt und zwar in unterschiedlichsten Bereich.
• Die Sicherheit von Atomkraftwerken
• die Belastbarkeit von Banken oder Währungen
• Regierungskoalitionen wurden auf Stress getestet.
Wie unterschiedliche Beziehungen und Systeme sich in der Krise bewähren und unter Druck verhalten, darüber gibt ein Stresstest Ausdruck.
Das Unwort des Jahres 2011 wurde am 17. Januar gekürt. Es ist der Ausdruck Döner-Mord.
„Mit der sachlich unangemessenen, folkloristisch-stereotypen Etikettierung einer rechtsterroristischen Mordserie werden ganze Bevölkerungsgruppen ausgegrenzt und die Opfer selbst in höchstem Maße diskriminiert, indem sie aufgrund ihrer Herkunft auf ein Imbissgericht reduziert werden“, heißt es in der Wahlbegründung.
Das Wort oder das Unwort des Jahres werden immer im Rückblick auf ein Jahr gekürt. In der Wahl spiegelt sich die Berichterstattung, die öffentliche Meinung, die Diskussionen in den Medien und die gesellschaftlichen und ganz persönlichen Hoffnungen und Befürchtungen. Manchmal sind diese Worte entlarvend, beschämend und treffend zu gleich.
Stresstest beschreibt etwa die Sehnsucht, die Katastrophen und Krisen handhabbar zu machen, die Kontrolle zu behalten. Döner-Mord zeigt die hässliche Seite von Vorurteilen und gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit in unserem Land. Dazu gehört auch die Verharmlosung rechtsextremer Taten.
Stresstest und Dönermord, beide Worte sind keine gute Visitenkarte für unser Miteinander im vergangenen Jahr.
In der Kirche haben wir eine andere Tradition. Wir geben uns das Wort des Jahres nicht am Ende, sondern zu Beginn eines neuen Jahres. Es fasst nicht zusammen, was war sondern will Orientierung geben für das was wird. Es will Mut machen, anspornen, zum nach- und vordenken einladen. Wie ein Motto, wie eine Überschrift will uns das biblische Wort eine Sehhilfe geben, in deren Licht wir die Ereignisse des Jahres deuten können.
Über 2012 steht als Jahreslosung, ein Satz aus dem Korintherbrief:
Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig. (2. Kor. 12,9)
Wozu ermutigt mich dieses Jahreswort?
1. persönlich: Du hast Schwächen, sie gehören zu dir. Manche machen dich liebenswert und einmalig (auch, wenn sie dir peinlich sind), manche kannst du verändern, wenn du willst. Aber das ist nicht die Voraussetzung für Gottes Gnade. Der Wertmaßstab mit dem wir einander messen, unsere Stärken und Schwächen, gilt nicht vor Gott. Vielleicht befähigt mich eine vermeintliche Schwäche im Sinne Gottes zu handeln.
2. Andere haben Schwächen: manchmal sind sie mir unangenehm, nerven mich, behindern mich auf meinem Weg, fordern ein anderes Tempo von mir. Sie gehören zu diesem Menschen, machen ihn besonders. Seien wir tolerant mit den Schwächen der anderen und sehen sie nicht in erster Linie als Behinderung, daran erinnert mich die Losung.
3. Es geht auch um die Schwachen. Das Jahreswort erinnert uns daran, dass die Schwachen, die Armen, Verletzten, sozial Ausgegrenzten ganz besonders unter Gottes Schutz und Aufmerksamkeit stehen. Ihnen ist zuerst das Evangelium verkündet. Es ist unser Auftrag über die Schwachen nicht hinwegzusehen, sondern ihnen zur Seite zu stehen: solidarisch, geschwisterlich und ihnen öffentlich Stimme zu verleihen. Nicht allein die Diakonie ist hier gefordert, sondern jeder Christenmensch.
4. Die Jahreslosung ermutigt mich, kritisch darauf zu blicken, was in unserer Gesellschaft zählt. Schwäche hat keine Lobby. Was zählt und was unterstützt auf dem Weg zum Erfolg sind: Jugend, Leistungsfähigkeit, Stärke, sich durchsetzen. Stärke und Leistung an sich sind nicht schlecht, aber es fehlt etwas und wird unausgewogen, wenn das alles ist. Vor lauter Stärke können wir hart, atemlos und krank werden.
Wir wissen wohin das führt. Persönlich und gesellschaftlich. Was verbirgt sich z.B. hinter der vermeintlichen Stärke der rechtsextremem Jugendlichen? Welchem Ideal streben sie nach. Wir brauchen eine Kultur in der es ohne Angst möglich ist schwach zu sein und Schwäche zu zeigen. Dafür können wir als Christen Raum geben und für uns selbst und mit anderen lernen Schwäche auszuhalten und dadurch stark zu werden,
Sich anzulehnen, zu entschuldigen, zu sagen: „das weiß ich auch nicht. Hilf mir. Ich brauch dich sind, Bleib bei mir“ sind Schritte dahin. Und auch miteinander etwas auszuhalten ohne sofort eine Lösung parat zu haben gehört dazu.
5. Gottes Kraft ist in den Schwachen mächtig. Das Jahreswort zielt auf die Mitte unseres Glaubens. Kreuz und Auferstehung, auf den Weg, den Jesus gegangen ist. Gott kommt als Säugling, wird einem obdachlosen Migrantenpaar geboren in einem Dorf weitab der politischen Machtzentren, verletztlich und angewiesen. Kein Geld und keine weltliche Macht stützt seine Mission. Sein Wort, seine Zugewandtheit und seine Schwäche für die Schwachen, darin wird Gott sichtbar. Konsequent ist er diesen Weg zuende gegangen.
Was auf den ersten Blick aussah wie scheitern, der Tod am Kreuz – hat sich für alle Menschen, die an ihn glauben, in ein Siegeszeichen gewandelt. Kein Opfer sondern ein Sieger, der für uns vorangegangen ist.
Seine Kraft wandelt uns noch heute und wir spüren sie besonders wenn wir die Hände öffnen und empfangen.
Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.
Ein starker Satz für dieses Jahr.
Silvester 2012 können wir Bilanz ziehen
Pröpstin Frauke Eiben

